Geplante Ziegenfabrik stinkt zum Himmel

Wieder einmal gerät der südniedersächsische Landkreis Holzminden in die Negativschlagzeilen. Ausgerechnet im weithin unverbauten und malerischen Landschaftsschutzgebiet Wesertal bei Polle soll Deutschlands erste agrarindustrielle Ziegenfabrik mit 7.500 Mutterziegen entstehen – dazu soll sogar das Schutzgebiet verkleinert werden. Es wäre zugleich Europas größte Massentierhaltung von Ziegen. Nicht nur der BUND fordert den Stopp des skandalösen Projektes.

Foto: Ziegen
Der BUND fordert eine artgerechte Ziegenhaltung mit Auslauf wie hier an einem Hang des Solling. In Polle an der Weser sollen ihre Artgenossen zu Tausenden in einen Großstall gepfercht werden. Foto: B. Grüßer

Bisher war es Schweinen, Puten und Hühnern vorbehalten, ganzjährig zu Tausenden in riesigen Ställen zusammenge­pfercht und technischen Vorrichtungen unterworfen, ihr trauriges Dasein zu fristen. Ziegen galten als zu eigenwillig und bewegungsfreudig für die agrarindustrielle Massentierhaltung. Damit soll es nun vorbei sein. Der niedersächsische Frischkäsehersteller Petri aus Glesse plant auf dem rund 250 Hektar großen Gelände der ehemaligen Landesdomäne Heidbrink einen Ziegenstall mit insgesamt 7.500 Milchziegen – verteilt auf drei Großställe – und 12.000 Lämmern. „Die Firma Petri versucht hier zum ersten Mal, in die Ziegenhaltung einzusteigen und diese auch für agrarindustrielle Prozesse zu öffnen“, kritisierte BUND-Landwirtschaftsexperte Tilman Uhlenhaut auf einer Informationsveranstaltung der BUND-Kreisgruppe Holzminden am 17. September in Bevern-Forst. „Damit wird ein Tabu gebrochen.“

Experten vom Natur- und Umweltschutz, vom Tierschutz und aus der Landwirtschaft warnten vor rund 250 Besuchern einmütig vor den Plänen der Firma Petri und kündigten zugleich massiven und vereinten Widerstand gegen die Ziegenfabrik an. „Das Vorhaben löst regelrecht Horror bei mir aus“, entrüstete sich Simonetta Kramer vom Niedersächsischen Landesverband der Ziegenzüchter. „Es ist unvorstellbar, 7.500 Ziegen ganzjährig im Stall zu halten!“ Die Tiere würden sich nur in kleinen Gruppen wohl fühlen, bräuchten Freilauf und Klettermöglichkeiten. Das alles ist im geplanten Ziegen-Massentierstall von Petri nicht vorgesehen. „Damit entspricht die Ziegenfabrik auch nicht den Empfehlungen des Europäischen Rates, dass Ziegen regelmäßig ins Freie gelassen werden sollen“, erklärt Dr. Marita Wudtke vom BUND Landesverband Niedersachsen. „Was Petri hier plant, ist nicht artgerecht, verstößt gegen das Tierschutzgesetz und gefährdet zudem die Existenz der rund 300 kleinbäuerlichen Ziegenhalter in Niedersachsen.“ Ob die Baugenehmigung für eine solche Stall­anlage jemals erteilt werden dürfe, ist nach Ansicht der BUND-Expertin zweifelhaft.


Auch immer mehr Anwohner stellen sich gegen die Pläne der Firma Petri. Georg Petau, direkter Nachbar des geplanten Großstalls auf dem Heidbrink, und Rene de Visser aus Polle haben die „Bürgerinitiative Weserbogen“ ins Leben gerufen, um gegen das fragwürdige Pilotprojekt „Ziegen-Massentierhaltung“ mobil zu machen. Sie befürchten nicht nur, dass mit den Stallanlagen der weitgehend unverbaute und idyllische Weserbogen seinen landschaftlichen Reiz verliert. Denn in Sichtweite zu den geplanten Ställen und Gebäuden liegen touristische Ziele wie die Poller Burgruine, der Schiffsanleger zur Weserfähre und der Poller Campingplatz.


Unmittelbar an das Betriebsgelände grenzt auch Deutschlands beliebtester Radwanderweg, der Weserradweg, den jährlich an die 150.000 Radwanderer nutzen. Mit ebenso großer Sorge blicken die Anwohner auf ungelöste Fragen wie die der Abwasserbehandlung und auf die drohende Luftverschmutzung durch Geruchs- und Bakterienemissionen aus den Stallanlagen. „Ein solches Gewerbe hat hier im Weserbogen nichts zu suchen“, wettert Rene de Visser. Der Status von Polle als Luftkurort sei zukünftig gefährdet.


Landes- und Lokalpolitiker haben sich bislang unbeeindruckt von Bürgerprotesten und Expertenmeinungen gezeigt und der Firma Petri eifrig Steine aus dem Weg geräumt. So hat das Land Niedersachsen 2006 die Domäne Heidbrink für 3,4 Millionen Euro an den Frischkäsehersteller verkauft, obwohl höhere Angebote anderer Interessenten vorlagen. Vertreter der Gemeinde Polle und des Landkreises Holzminden haben grünes Licht gegeben für ein Verwaltungsverfahren, dass die Teillöschung des Landschaftsschutzgebietes „Wesertal“ anstrebt – eine Voraussetzung für den Bau einer Ziegenfabrik auf dem Heidbrink. „Es ist ein Unding, ein Schutzgebiet von Amts wegen zu löschen in der Hoffnung, dass das Vorhaben eines privaten Investors möglicherweise zulässig sein könnte“, empört sich Wudtke. Der BUND appelliere deshalb an den Kreistag, einer solchen Teillöschung nicht zuzustimmen. Der will im Dezember endgültig darüber entscheiden. Bis dahin bleibt den Ziegenstall-Gegnern noch etwas Zeit, für einen Stimmungswandel in der Politik zu kämpfen. „Bleibt das Landschaftsschutzgebiet Wesertal in dieser Form bestehen, wäre das endlich das Aus für Europas größten Ziegenstall in Polle“, hofft auch Ulrich Schlette von der BUND-Kreisgruppe Holzminden. Für den Fall hat Petri ein Jahr lang Zeit, vom Kaufvertrag mit dem Land zurück zu treten.


S. Littkemann



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