Lehrer machen sich beim Bauern schlauer

Foto: Landwirt Ernst-August Albers
Landwirt Ernst-August Albers betreibt auf 120 Hektar Land reinen Ackerbau, u.a. mit Kartoffeln, Zuckerrüben, Getreide und Raps. Außerdem zählen noch 40 Schweine, 110 freilaufende Hühner, neun Pferde, sieben Katzen, zwei Ziegen und ein Hund zum Betrieb. Foto: S. Littkemann
Foto: Pflanzmaschine
Manuel Ostermann erklärt die vierreihige Pflanzmaschine. Bei Stärke- und Speisekartoffeln können damit bis 45.000 Knollen pro Hektar ausgepflanzt werden. Foto: S. Littkemann
Foto: Treckerfahren
Crashkurs "Mistfahren mit dem Frontlader". Foto: S. Littkemann

Bauern stinken immer nur mit Gülle rum und fahren dicke Autos. Verbraucher haben keine Ahnung und wissen trotzdem alles besser. Noch immer bestimmen Vorurteile das Verhältnis zwischen Landwirten und der übrigen Bevölkerung. Das Lüneburger Projekt "Lernort Bauernhof" will für mehr Verständnis auf beiden Seiten sorgen und organisiert Hofbesuche für Schulklassen, Lehrer, Kindergärten und ErzieherInnen. Neue Einblicke in einen alten Berufsstand erhielt
BUND-Mitarbeiterin Sabine Littkemann am 19. März auf einem Ackerbaubetrieb in Buchholz-Dibbersen, einem 1000-Seelen-Dorf südlich von Hamburg. Ihre Erlebnisse beschreibt sie in folgendem Bericht.

"Für uns ist das immer ein Spaß, wenn wir sehen, wie Leute auf dem Feld herumschleichen und die Stärkekartoffeln sammeln", sagt Manuel Ostermann amüsiert. Der stämmige junge Mann in Arbeitskleidung hält in jeder Hand eine braune Knolle: in der linken eine gewöhnliche Speisekartoffel, in der rechten eine Industriekartoffel. Nur an ihren Schnittflächen sehen sie unterschiedlich aus: Die Stärkekartoffel ist deutlich heller als ihre Küchenvariante. "Kann man die denn nicht essen?", will eine der Frauen wissen, die sich um Manuel gescharrt haben und dem 22jährigen interessiert zuhören. "Kann man schon. Stärkekartoffeln fallen allerdings beim Kochen schnell zusammen, da hat man gleich Kartoffelbrei."

Manuel ist eigentlich Schüler der Einjährigen Fachschule für Agrarwirtschaft an der Berufsbildenden Schule BBS III in Lüneburg. Doch an diesem kühlen und verregneten Nachmittag im März ist er für ein paar Stunden in die Rolle eines Lehrers geschlüpft auch das ist Bestandteil seiner Ausbildung. Souverän macht der Jungbauer auf dem Hof seines Klassenkameraden praktischen Unterricht "rund um die Kartoffel". Dazu hat er in der großen Scheune einen Tisch aufgebaut, auf dem verschiedene Kartoffelsorten liegen. Manuels "Schüler" sind Lehrerinnen der Grundschule Adendorf bei Lüneburg, die mit dem Rollentausch ebensowenig Probleme zu haben scheinen wie er selbst. Offensichtlich ist den meisten hier versammelten Pädagoginnen das moderne Landleben ziemlich fremd.

Das soll sich an diesem Nachmittag allerdings ändern. Insgesamt 24 Grundschullehrerinnen und acht Fachschüler sind auf dem Hof von Landwirt Ernst-August Albers in Buchholz-Dibbersen zusammengekommen, um voneinander zu lernen und Berührungsängste abzubauen.

So jedenfalls stellt es sich Magda Schumacher vor. Die junge Frau mit dem blonden Wuschelkopf pendelt zwischen Scheune, Hof und Acker hin und her, um allen Beteiligten mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Magda Schumacher ist Berufsschullehrerin an der Fachschule für Agrarwirtschaft in Lüneburg.

Ihre Idee war es, Bauern und Verbraucher zusammenzubringen, um das Verständnis füreinander zu fördern was lag da näher, als die eigenen Schüler einzuspannen, die fast immer angehende Landwirte sind? Seitdem Magda Schumacher vor zwei Jahren das Projekt "Lernort Bauernhof" ins Leben rief, kann sie jedenfalls auf die Mitarbeit der Fachschüler der BBS III zählen. Die jungen Männer Frauen sind es selten vermitteln ihrer engagierten Lehrerin die nötigen Kontakte zu landwirtschaftlichen Betrieben und sind immer wieder selbst an Ort und Stelle, wenn es darum geht, ihren Berufsstand und die bäuerliche Arbeit vorzustellen.

Auch der 26jährige Ralf Schmidt-Bohlens ist heute mit von der Partie. Er hat wie die meisten seiner Mitschüler eine landwirtschaftliche Lehre hinter sich und möchte nach der einjährigen Fachausbildung den elterlichen Hof in der Nähe von Hamburg übernehmen, einen Ackerbaubetrieb mit Damwild- und Wildschweinzucht. Ralf macht die Lehrerfortbildung auf dem Hof seines Mitschülers Bernd Albers trotz des ungemütlichen Wetters richtig Spaß. "Die hatten ja völlig falsche Vorstellungen von den Preisen", erzählt er. "Wir haben die Lehrer gefragt, ob sie wüßten, was wir für einen Doppelzentner Weizen bekommen. Sie haben dann den Brotpreis hochgerechnet und 100 Mark geschätzt. Als sie hörten, daß wir nur durchschnittlich 24 Mark pro Doppelzentner bekommen, waren sie ziemlich überrascht." Die meisten hätten einen Hof wohl nur von weitem gesehen, glaubt der Jungbauer.

Der Vortrag "Rund um die Kartoffel" von Manuel Ostermann ist zuende.
Nun marschiert die Gruppe zu einem rund 1000 Meter entfernt liegenden Acker, vorbei an kleinen Gehölzen und kahlen Feldern. Der Wind ist lausig kalt. Am Rand eines großen Ackers, auf dem ein grüner und ein roter Traktor geräuschvoll herumkurven, treffen wir auf die anderen leicht fröstelnden Lehrerinnen. Hier ist nun Treckerfahren und Grubbern angesagt das lassen sich die meisten nicht zweimal sagen. In den engen Kabinen des Fendt-Frontladers und des Case-Traktors herrscht drangvolle Betriebsamkeit. Die Frauen am Steuer geben mit sichtlichem Vergnügen Gas, junge Männer sitzen oder stehen daneben und grinsen. Bauer Albers hat seinen silbernen Passat am Feldrand geparkt und beobachtet seelenruhig das Treiben auf seinem Acker hat er keine Angst, daß etwas passiert? "Nein, überhaupt nicht", sagt er gelassen, "die Jungs haben das schon im Griff." Die Lehrer sollten das ruhig mal selber machen und nicht immer nur zugucken.

Aktiv werden und mit anpacken das ist auch Magda Schumachers Devise für diesen Projekttag. "Ob sie grubbern oder Pferde putzen, wichtig ist, daß die Lehrer eine richtige Aufgabe kriegen und nicht nur auf dem Hof herumstehen und lange Vorträge hören." Das Konzept kommt offensichtlich auch bei den Frauen an. "Ich kenne die Abläufe auf einem Bauernhof jetzt besser und kann sie meinen Schülern plastischer schildern", glaubt Renate Wohlfahrt, die sich nach dem naßkalten Ausflug bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen in der Scheune wieder aufwärmt.

Auch ihre Kollegin Ute Hapke ist begeistert: "Wir haben den Mist rausgefahren und gegrubbert. Ich habe zwei Reihen selbst gefahren!" "Genial" findet auch Bernd Albers die ganze Aktion. Der 21jährige Hofnachfolger hat die Adendorferinnen mit dem Pferdestall und den neun Hannoveranern vertraut gemacht, Pferdestriegeln und Misten inclusive. Den eigenen Hof für neugierige Gäste zu öffnen, ist für Bernd und seine Eltern kein Problem, im Gegenteil: "Ich erkläre den Leuten das alles wirklich gern", sagt der junge Landwirt.

Bei strömendem Regen endet am frühen Abend der Ausflug in die bäuerliche Welt. Während die einen unter schützenden Dächern letzte Gespräche führen, springen andere noch schnell in den etwas improvisierten Hofladen, im Angebot Eier, Wurst, Kartoffeln. Viele Teilnehmerinnen räumen ein, falsche Vorstellungen von einem modernen landwirtschaftlichen Betrieb gehabt zu haben.

"Ich bin beeindruckt, welche Kenntnisse ein Landwirt heute haben muß, um über die Runden zu kommen", sagt eine Lehrerin. Sie habe eine Menge dazu gelernt. Auch Magda Schumacher ist zufrieden. "An solchen Tagen wie heute merken die Schüler, daß ihre Arbeit als Landwirte total gut ankommt", sagt die 37jährige.

"Wir müssen die Bauern immer wieder ermutigen, in die Diskussion mit den Verbrauchern einzusteigen. Sie haben uns eine Menge mitzuteilen."

Sabine Littkemann



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