BUND Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland


12. Februar 1997

BUND und WWF zu Emsstauwehr - Standort Gandersum nicht geeignet

Von: Robert Exner, BUND-Pressereferent

Hannover, 12. Februar 1997 - Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in Niedersachsen und die Umweltstiftung WWF Deutschland sprachen sich heute auf einer Pressekonferenz in Hannover entschieden gegen ein großes Emsstauwehr bei Gandersum aus. Als Hauptgründe nannten die Umweltverbände: statische Mängel des Bauuntergrundes, gravierende ökologische Folgen und die Verletzung von Vereinbarungen zwischen Deutschland und den Niederlanden sowie trilateraler Übereinkünfte zum Wattenmeerschutz."Geologisch ist der Standort, den die Arbeitsgruppe vorschlägt, ungeeignet für ein Stauwehr. Der Untergrund besteht aus vierzehn Meter mächtigen `Lauenburger-Tonschichten`, die den Belastungen durch ein solches Bauwerk nicht standhalten können", erläuterte Dipl. Ing. Manfred Pohl, Wasserbauexperte der Verbände. Standsicher ließe sich das Wehr nur mit erheblichem technischen Aufwand errichten, der die geschätzten Baukosten von bis zu 900 Millionen Mark sogar verdoppeln könnte. Damit sei der jetzt genannte Realisierungszeitraum von drei Jahren völlig unhaltbar.Als Beispiel für die zu erwartenden ökologischen Auswirkungen des Sperrwerks nannte Carl-Wilhelm Bodenstein-Dresler, Geschäftsführer des BUND, daß den Lebewesen, die mit der Flut in die Ems gelangten, der Rückweg abgeschnitten wäre, wenn die Schleusentore schließen. "Für die salzwasserangepaßten Arten bedeutet es das Aus, über längere Zeit im Süßwasser zu bleiben, wenn bis Papenburg aufgestaut wird, um ein Schiff herunterzubringen", so der BUND-Sprecher. Auch im Dollart seien negative Auswirkungen zu befürchten, wenn sich mit dem Öffnen der Tore ein Süßwasserschwall in die Bucht ergießt. Durch das tagelange Überstauen drohe ein Verlust der Süßwasserwattflächen, die auf der Roten Liste der gefährdeten Biotope stehen.


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Stauwehr nicht vereinbar mit Ems-Dollart-Vertrag

Gegen das Stauwehr bei Gandersum sprechen nach Auffassung von BUND und WWF auch die trilateralen Vereinbarungen zum Wattenmeerschutz und der deutsch niederländische Ems-Dollart-Vertrag. Dieser Vertrag wurde geschlossen, um das gezeitenbeeinflußte Emsmündungsgebiet zu Gunsten der Natur zu entwickeln. Im Artikel 19 des Vertrages von 1986 wird der Schutz des Ems-Dollart-Ästuars ausdrücklich als gemeinsames Ziel genannt: "Ein Stauwehr behindert aber, zumindest zeitweise, den freien Austausch zwischen Meer und Flußmündung", erklärte WWF-Sprecher Holger Wesemüller. Das Ems-Dollart-Ästuar im eigentlichen Sinne wäre damit zerstört und somit die Vertragsgrundlage hinfällig. "Wir wundern uns, daß die niederländischen Behörden nicht an der Arbeitsgruppe beteiligt wurden, obwohl dies für solche Fälle ebenfalls im Vertrag festgeschrieben wird", so der WWF-Sprecher.
Der Wasserbauexperte der Umweltverbände Pohl ist erstaunt, daß plötzlich die Hochwasserproblematik in den Vordergrund gestellt wird, obwohl die Bezirksregierung für die Emsdeiche bisher keinen vorrangigen Handlungsbedarf gesehen hat: "Das ganze erinnert an Goethes Zauberlehrling", so Pohl. "Das Hochwasser-Schreckgespenst, das durch die ständigen Emsvertiefungen erst gerufen wurde, will man nun durch einen neuen Kunstgriff wieder los werden", so der Experte. Um über kostengünstige Maßnahmen zum Hochwasserschutz an der Ems nachzudenken, müsse man sich mehr Zeit nehmen. Die Eile aber, die jetzt an den Tag gelegt werde, zeige, daß das Wehr vorrangig für die Meyer-Werft gebaut werden soll.
Die Umweltverbände sehen Konflikte bei der Finanzierung des Emsstauwehrs mit dem übrigen Küstenschutz an der Nordsee: "Schon heute muß das Land die Küstenschutzmittel auf 20 Jahre strecken, um im Regierungsbezirk Weser-Ems die notwendigen Deichverstärkungen auf 180 Kilometern durchführen zu können", so die Sprecher der Umweltverbände. Für das Stauwehr sollen jetzt ohne erkennbare Bedrohung der Bevölkerung Unsummen aus Küstenschutzmitteln bereitgestellt werden. Das kommt einer verdeckten Subvention der Meyer-Werft gleich.
Auch an der Ems müßten Ökologie und Ökonomie besser aufeinander abgestimmt werden. Deswegen sei die Suche nach einem zweiten Standbein für das Werftunternehmen auf die ganze norddeutsche Küstenregion auszuweiten. "Damit Firmenkapitän Meyer durch eine Teilverlagerung endlich das nötige Wasser unterm Kiel bekommt und wir nicht alle Jahre wieder das Emstrauerspiel fortsetzen müssen", so die Verbände.


Quelle: http://archiv.bund-niedersachsen.de/nc/presse/pressemitteilungen/detail/browse/91/artikel/bund-und-wwf-zu-emsstauwehr-standort-gandersum-nicht-geeignet/