BUND Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland


28. Februar 1997

BUND-Umfrage zur Schadstoffreduzierung in Großstädten - "Städte auf neue Verordnung zur Schadstoffbegrenzung kaum vorbereitet"

Von: Robert Exner, BUND-Pressereferent

Hannover, 28. Februar 1997 - "Auch mit der neuen Verordnung werden Straßenanwohner kaum vor Schadstoffen aus Auspuffrohren geschützt." Dieses Fazit einer Blitzumfrage zog heute Peter Westenberger, Verkehrsexperte des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), auf einer Pressekonferenz in Hannover. Der BUND hatte in zehn deutschen Großstädten nachgefragt, wie sie die 23. Bundes-Immissionsschutzverordnung, die morgen in Kraft tritt, umsetzen wollen. Ab dem 1. März haben die Kommunen die Möglichkeit, den Autoverkehr bei hohen Abgaswerten einzuschränken.
Unmittelbare Folgen wird das neue "Schadstoff-Zeitalter" aber nach der BUND-Umfrage nirgendwo haben: Keine der befragten Großstädte (Berlin, Hamburg, Bremen, Dortmund, Essen, Düsseldorf, Köln, Frankfurt, Stuttgart, Hannover) plant aufgrund der neuen Verordnung konsequente Fahrverbote bei Grenzwertüberschreitungen. Mehrere Städte (Berlin, Dortmund, Frankfurt, Stuttgart) denken für diesen Fall lediglich über Einschränkungen beispielsweise für Fahrzeuge ohne Katalysator nach. Köln und Hamburg verzichten ausdrücklich sogar auch auf dieses Mittel zur Schadstoffreduzierung.
"Auf die neue Verordnung sind die Städte unzureichend vorbereitet", erläuterte BUND-Experte Westenberger. Viele wüßten gar nicht wie lang die schadstoffbelasteten Straßenabschnitte eigentlich seien und wieviele Menschen dem Schadstoffmix ausgesetzt sind. In Dortmund gibt es nach Angaben des Umweltamtes nicht einmal eine eigene Meßstation. In Essen wird erst seit Dezember gemessen, obwohl die neue Verordnung absehbar war. "Hier müssen die Städte noch viel Basisarbeit leisten", so Westenberger.
Der BUND erneuerte seine Kritik an der 23. Bundes-Immissionschutzverordnung, die mit ihren zu hohen, politisch festgesetzten Einschreitwerten zum Teil weit über den medizinisch begründeten Werten liegt, die der "Länderausschuß für Immissionsschutz" gefordert hatte. "Besonders erschreckend ist das Befragungsergebnis deshalb, weil deutlich wird, daß die Städte selbst diese lasche Verordnung nicht umsetzen können oder wollen", sagte Westenberger. Bund und Länder müßten deshalb dringend den Immissionschutz verbessern indem vorallem die Grenzwerte abgesenkt werden.

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"Wo es stinkt - ist es auch laut!"

Auf die Gesundheitsgefahren durch Verkehrslärm machte Sibylle Maurer-Wohlatz aufmerksam: "Lärm verursacht Hörschäden, Schlafstörungen und kann das Nervensystem schädigen", erläuterte die BUND-Sprecherin. Rund 70 Prozent der Bevölkerung fühlten sich durch Lärm gestört. Laute Schallereignisse wie Flugzeugstarts und -landungen setzten im Körper verstärkt Stresshormone frei. "Diese ungesunde Reaktion tritt besonders nachts auf, auch wenn man nicht dabei aufwacht", so Maurer-Wohlatz. Neuere Studien belegten, daß allein in Deutschland jährlich 2000 bis 3000 tödlich verlaufende Herzinfarkte vermieden werden könnten, wenn der Verkehrslärm auf unter 65 dB(A) gesenkt würde. Lärm- und Schadstoffbelastungen hätten zudem einen bisher wenig beachteten sozialen Aspekt: "Menschen mit geringem Einkommen müssen mehr Gesundheitsgefährdungen ertragen, weil sie sich keine Wohnung im Grünen leisten können", so die BUND-Expertin.
"Für einen effektiven Lärmschutz brauchen wir dringend ein strengeres Bundes-Immissionschutzgesetz mit gesenkten Lärmschwellenwerten, um frühzeitig Maßnahmen ergreifen zu können und flächendeckende Lärmminderungspläne in den Kommunen", forderte die BUND-Vertreterin. Da sich das Problem besonders in den Städten nicht durch Lärmschutzwände lösen läßt, ist nach Ansicht des BUND ein Bündel von planerischen, technischen, baulichen und verhaltensbezogenen Maßnahmen notwendig: "An erster Stelle steht ein Umlenken der Verkehrspolitik, um Straßen vorrangig für öffentliche Verkehrsmittel, Radfahrer und Fußgänger zugänglich zu machen", so Maurer-Wohlatz, "sonst vergeht uns in den Städten bald ganz Hören und Sehen."

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Hinweis:

Den 112seitigen Tagungsreader können Sie ab sofort beim BUND-Infoversand unter Tel. 0511/96569-20 oder Fax. 0511/96569-27 zum Preis von 12,- DM bestellen.


Quelle: http://archiv.bund-niedersachsen.de/nc/presse/pressemitteilungen/detail/browse/91/artikel/bund-umfrage-zur-schadstoffreduzierung-in-grossstaedten-staedte-auf-neue-verordnung-zur-schadstof/