BUND Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland


4. August 1997

BUND widerlegt Versprechungen der Gentech-Lobby - "Skepsis der Verbraucher ist berechtigt"

Von: Robert Exner, BUND-Pressereferent

Hannover, 04. August 1997 - Aussagen von Gentechnikproduzenten und -befürwortern hat der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in Niedersachsen jetzt kritisch unter die Lupe genommen: "Die Gentech-Lobby hält nicht, was sie verspricht. Verbraucher werden oftmals bewußt hinters Licht geführt. Genlabors und Versuchsfelder sind nicht so sicher, wie behauptet wird ", sagte Dr. Hartmut Meyer, Gentechnikexperte des BUND, am Montag auf einer Pressekonferenz in Hannover. Schon das Beispiel der US-Gentomate 'Flavr Savrä zeige, wie versucht werde, die Öffentlichkeit zu täuschen. In Deutschland werde sie immer noch als kulinarische Errungenschaft gepriesen, um die Konsumenten für Gen-Nahrungsmittel zu begeistern. "Dabei verschweigt die Gentech-Lobby, daß der amerikanische Traum von der Anti-Matsch-Tomate schon längst geplatzt ist. In den USA ist die Gentomate wegen großer Absatzschwierigkeiten bereits seit April vom Markt verschwunden", so der BUND-Experte. "Die Skepsis der deutschen Verbraucher, die zu achtzig Prozent Gen-Nahrung ablehnen, ist also völlig berechtigt", so Meyer weiter. Das müsse auch Ministerpräsident Schröder einsehen, anstatt mehr Risikobereitschaft zur Gentechnik einzufordern. "Gen-Nahrung ist ein Risiko ohne Nutzen und hat auf unseren Tellern nichts zu suchen", erklärte der BUND-Fachmann.
Tilman Uhlenhaut, Landwirtschaftsexperte des BUND, nannte Beispiele dafür, daß der Umgang mit gentechnisch manipulierten Pflanzen und Mikroorganismen große Unsicherheiten birgt: "In diesem Frühjahr mußte die Firma Monsanto in Kanada 60.000 Sack Raps-Saatgut in einer Eilaktion zurückrufen. Die Rapssorte war genmanipuliert und enthielt versehentlich ein Gen, das nicht für den Handel freigegeben ist", so Uhlenhaut. Das falsche Gen sei durch Pollenflug in die Rapssaat gelangt, so Monsanto. "Bislang wurde ein unkontrolliertes Auskreuzen veränderter Gene von den Firmen immer bestritten, jetzt wird es als Erklärung für das Versagen von angeblichen Sicherheitsstandards angeführt", wundert sich der BUND-Vertreter. "Unsere Warnungen vor Freisetzungsversuchen auch in Niedersachsen sind damit aktueller den je. Die Genindustrie räumt jetzt selber ein, daß sich Gene unkontrolliert ausbreiten können", so Uhlenhaut.
"Landwirtschaftsminister Funke, der sich mit Umweltargumenten für die Gentechnik stark macht, muß sich eines Besseren belehren lassen", sagte der BUND-Fachmann. "Die konventionelle Landwirtschaft wird durch Gentechnik keinen Deut umweltfreundlicher." Gen-Raps, -Mais und -Rüben würden gegen Unkrautvernichtungsmittel resistent gemacht, die sich angeblich gezielt einsetzten ließen und umweltfreundlich seien: "Der genmanipulierte Raps von Monsanto aber ist an ?Roundup? angepaßt, ein Pflanzengift, das sich über Jahre im Boden halten kann", erläuterte der BUND-Vertreter. "70 Prozent der heute in der Landwirtschaft eingesetzten Herbizid-Wirkstoffe sind leichter abbaubar als Roundup". Da Rückstände des Giftes auch in der Nahrung zu befürchten seien, habe Monsanto in Australien und Neuseeland vorsorglich beantragt, die Grenzwerte bei Gen-Sojaprodukten um das 200fache heraufzusetzen. "Wieder sollen die Verbraucher die Suppe auslöffeln, die uns die Gentechnik einbrocken will", ärgert sich Uhlenhaut.
Die Öffentlichkeit versuche man nicht nur mit Versprechungen zu ködern, es werde auch moralischer Druck ausgeübt: Der "Rat für Forschung, Technologie und Innovation" der Bundesregierung und andere machten beispielsweise Gentechnik-Kritiker für den Tod von über einer Millionen Kälber allein in Deutschland verantwortlich. Nur um aus den Kälbermägen das Labferment für die Käseherstellung zu gewinnen - das inzwischen auch gentechnisch erzeugt werden kann -, würden diese Tiere geschlachtet, so die Behauptung. "Das ist schlichtweg gelogen. Kein Kalb wird allein für die Lab-Gewinnung getötet, das ist ein Nebenprodukt bei der Schlachtung," erklärte Meyer. Den Gentech-Käse versuche man besonders Vegetariern schmackhaft zu machen. "Auch hier handelt es sich um eine Halbwahrheit. Aus Geschmacksgründen wird dem Genferment oft natürliches Kälberlab beigemischt. Von ?vegetarischem Käse?, mit dem co-op beispielsweise in Großbritannien wirbt, kann also keine Rede sein", so Meyer.
Als folgenschwere Fehlinformation der Genforscher wertet der BUND die Aussagen, daß manipulierte Mikroorganismen und deren veränderten Erbinformationen nur unter strengen Laborbedingungen überleben könnten: "Auch hier erweisen sich die Beteuerungen als reines Wunschdenken", so Meyer. "Manipulierte Darmbakterien überleben bis zu 20 Tagen auch auf der Kleidung. Mäuse, denen Erbinformationen von Viren ins Futter gemischt wurden, hatten diese fremden Gene hinterher sogar in ihren Blutzellen", erläuterte der BUND-Experte unter Hinweis auf Analysen des Ökoinstitutes Freiburg. "Es verwundert also nicht, daß sich in Deutschland kein Versicherungsunternehmen auf das Wagnis einläßt, die Risiken gentechnischer Versuche und Freisetzungen zu versichern."
"Fehlinformationen, Falschaussagen, Halbwahrheiten, sind bezeichnend für die Informations- und Öffentlichkeitsarbeit der Gen-Lobby", so das Fazit der BUND-Experten. Der schöne Schein der vermeintlichen Zukunftstechnologie verblasse beim genauen Hinsehen. Der BUND habe deshalb das Projekt "Gentechnik im Alltag" gestartet, um Verbraucherinnen und Verbraucher über die Auswirkungen der Gentechnik noch besser zu informieren. "Nur so läßt sich gegen die bevorstehende ?Zwangsernährung? mit Gen-Produkten angehen", so Meyer "und welche Macht die Konsumenten haben, zeigt wiederum das Beispiel ?Flavr Savr?."


Quelle: http://archiv.bund-niedersachsen.de/nc/presse/pressemitteilungen/detail/browse/89/artikel/bund-widerlegt-versprechungen-der-gentech-lobby-skepsis-der-verbraucher-ist-berechtigt/