27. August 1998
"Schicht im Schacht" BUND und NABU-Vorsitzende machen auf Tandem-Tour Halt vor Atommüllendlager Schacht Konrad - "Die Zeit ist reif für das Energiespar- und Solarzeitalter"
Von: Robert Exner, BUND-Pressereferent


Salzgitter, 27. August 1998 - "Die Zeit ist reif für das Energiespar- und Solarzeitalter. Jetzt müssen die Weichen für eine ökologische Energiewende gestellt werden. Der Betrieb von Atomkraftwerken und die Strahlentransporte mit unbeherrschbaren Risiken und Gefahren für Mensch und Natur sind unverantwortlich. Von der neuen Bundesregierung erwarten wir, daß sie mit dem Atomausstieg sofort beginnt, ihn schnell abschließt und dafür alle politischen und juristischen Möglichkeiten nutzt." Diese Forderungen erhoben heute in Salzgitter Hubert Weinzierl, Bundesvorsitzender des BUND und Jochen Flasbarth, Präsident des NABU.
Weinzierl und Flasbarth machten beim geplanten Atommüllendlager Schacht-Konrad Halt auf ihrer viertägigen Umwelt-Tandem-Tour quer durch Deutschland. Unter dem Motto "Schicht im Schacht" verschlossen die Bundesvorsitzenden der Umweltverbände das Tor zum ehemaligen Erzbergwerk mit einem überdimensionalen Vorhängeschloß. "Schacht Konrad ist wie Morsleben ein Symbol für die gescheiterte Atomtechnik", erklärte der BUND-Vorsitzende Weinzierl. Wie in einer mittelalterlichen Müllgrube wolle man hier die atomaren Hinterlassenschaften unsortiert abkippen. "Wir brauchen eine risikoarme und klimaschonende Energiewirtschaft und eine ökologische Steuerreform, um aus der atompolitischen Sackgasse herauszukommen", so Weinzierl. Er forderte die Bundesregierung auf, die Endlagerpläne für Salzgitter fallenzulassen. "Über geeignete Endlager reden wir dann, wenn der Atomausstieg klar ist", so der BUND-Vorsitzende.
NABU-Präsident Jochen Flasbarth bezeichnete den Ausstieg aus der Atomenergie als eine der wichtigsten Aufgaben für die nächste Bundesregierung. Das ideologische Festhalten der Regierung Kohl an der Atompolitik sei bereits heute eine schlimme Hypothek für kommende Generationen. Eine klare Absage erteilte der NABU-Präsident dem vom SPD-Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder genannten Ausstiegszeitraum von 20 bis 30 Jahren: "So etwas ist völlig indiskutabel", erklärte Flasbarth.
In Schacht Konrad sollen nach dem Willen der Bundesregierung 650.000 Kubikmeter nicht wärmeentwickelnder Atommüll aus der ganzen Bundesrepublik und den Wiederaufbereitungsanlagen La Hague und Sellafield eingelagert werden. Eine Menge, die immerhin dem 37-fachen der in Tschernobyl freigesetzten Radioaktivität entspricht. Weinzierl und Flasbarth warfen der Bundesregierung vor, mit den Menschen in und um Salzgitter Russisches Roulette zu spielen. Denn die Art und Zusammensetzungen des Atommülls, der eingelagert werden soll, sei nicht zu überprüfen.
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Das Märchen vom billigen Atomstrom
NABU-Präsident Flasbarth plädierte dafür, endlich Abschied vom Märchen vom billigen Atomstrom zu nehmen. "Die tatsächlichen Preise für Atomstrom liegen mit bis zu 17,5 Pfennig pro Kilowattstunde fast doppelt so hoch, wie uns die Energiewirtschaft vorrechnet,"sagte Flasbarth. Er verwies auch auf die seiner Meinung nach völlig unangemessenen staatlichen Subventionen für die Atomenergie. So sei es unerträglich, daß die Bundesregierung für die Nuklearforschung mit jährlich über 800 Millionen Mark immer noch fast dreimal so viel Mittel bereitstelle wie für regenerative Energiegewinnung und rationelle Energienutzung zusammen. Zusätzlich verzichtete der Bund durch die Steuerbefreiung der Entsorgungsrückstellungen der Energieunternehmen auf Milliardenbeträge. "Hier muß endlich ein Schlußpunkt gesetzt werden. Der Staatshaushalt darf nicht länger Füllhorn der Atomindustrie sein. Fördermittel gehören in Zukunftstechnologien und nicht in Auslaufmodelle", forderte der NABU-Präsident.
