BUND Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland


17. Juli 1998

"Glücksfall Elbe" trotz offizieller Schutzvereinbarung durch Ausbaupläne der Behörden weiter bedroht - BUND fordert Politiker auf, endlich ernst zu machen mit dem Schutz der letzten naturnahen Flußlandschaft Deutschlands

Von: Robert Exner, BUND-Pressereferent

Hannover/Lenzen, 17. Juni 1998 - "Die Elbe ist ein Glücksfall für Deutschland", sagte heute Dr. Ernst Paul Dörfler, Leiter des BUND Elbe-Projektes in Dessau. Im Schatten der ehemaligen innerdeutschen Grenzlinie habe sich eine einzigartige naturnahe Flußlandschaft erhalten können. Auf dem WWF-Schiff "MS Nora", das für zwei Tage am Schiffsanleger Lenzen an der Elbe - unterhalb der BUND-Ökoburg* - Station machte, erklärte der BUND-Experte, daß die Elbe über 50 Jahre weder weiter ausgebaut noch die wertvollen Auenlandschaften zerstört worden seien. "Die weiträumigen Überschwemmungslandschaften leisten nicht nur einen unschätzbaren Beitrag für den Hochwasserschutz", sagte Dörfler, "sie sind auch ein Refugium für die heute stark bedrohte Tier- und Pflanzenwelt dieses besonderen Lebensraumes". So lebten an der Elbe rund 1.000 Storchenpaare, ein Viertel des gesamten deutschen Storchenbestandes. Im Rheinland dagegen sei dem Storch durch die großräumige Zerstörung der Flußauen die Lebensgrundlage entzogen worden. Das Stromidyll ist nach Auffassung des BUND-Experten Dörfler gefährdet. Zwar habe sich Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann 1996 mit den Naturschutzverbänden darauf geeinigt, den Elbe-Seiten-Kanal auszubauen und zur "besseren Alternative" für die Schiffahrt zu entwickeln. Was einst als hoffnungsvolles Zeichen begonnen habe, sei jedoch mittlerweile als Papiertiger geendet: "Welchen Wert hat die Elbe-Erklärung, wenn Wasser- und Schiffahrtsverwaltungen ungebrochen am Ausbau der Elbe festhalten", fragte Dörfler. Obwohl der Elbe-Seiten-Kanal in drei Jahren fertiggestellt und für moderne Großschiffe befahrbar sei, würden noch immer hunderte von Millionen Mark in Strombaumaßnahmen an der Elbe investestiert. "Der Parallelausbau von Elbe und Elbe-Seiten-Kanal ist nicht nur ökologisch katastrophal, sondern auch ökonomisch völlig unsinnig." Besonders skandalös sei der geplante 80 Millionen Mark teure Ausbau eines 13 Kilometer langen Flußabschnittes, der sogenannten "Reststrecke", zwischen Dömitz und Hitzacker: "In der Kernzone des Biosphärenreservat Flußlandschaft Elbe soll mit Ausbaggerungen, massiven Buhnen und neuen Steinschüttungen die Fahrrinne der Elbe vertieft werden", kritisierte Dr. Marita Wudtke, Naturschutzreferentin des BUND Niedersachsen, die mehr als 60 Jahre alten Ausbaupläne der zuständigen Wasser- und Schiffahrtsbehörde. "Die Maßnahmen behindern die natürliche Flußdynamik dieses sensiblen Sandstromes und bedrohen die stromtaltypischen Lebensräume." Dies sei weder vereinbar mit den Schutzzielen eines Biosphärenreservates noch mit den Entwicklungszielen des neuen niedersächsischen Nationalparks "Elbtalaue", der die nachhaltige Sicherung und Entwicklung einer naturnahen Stromtallandschaft vorsehe, beispielsweise die Wiederherstellung natürlicher Weichholzauen."Mit vorsintflutlichen Ausbauplänen wird hier der erst wenige Monate alte Nationalpark bereits wieder unterlaufen", sagte Marita Wudtke. Die BUND-Naturschutzreferentin appellierte daher eindringlich an die niedersächsische Landesregierung, ihre Funktion als Einvernehmensbehörde ernst zu nehmen und sich rasch und eindeutig für den Schutz der Elbe einzusetzen. "Die Elbe-Erklärung muß endlich mit Leben gefüllt werden!" Dazu sei es dringend erforderlich, daß die Geschicke der Elbe nicht wie bisher allein beim Bundesverkehrsminister lägen. "Alle weiteren Strombaumaßnahmen müssen auf ihre ökologischen Folgen überprüft werden", sagte Marita Wudtke. Eine ökologische Gesamtbetrachtung könne nicht vor politischen Ressortgrenzen halt machen - deshalb müßten die Umweltministerien des Bundes und der Länder an der Erstellung von Unterhaltungsplänen beteiligt werden. Auch dürfe die Bundesbehörde nicht ökologisch sensible Flächen für naturschutzabträgliche Nutzungen verpachten. "Die Uferbereiche müssen absolut jagdfrei bleiben", forderte die BUND-Expertin, "und auch die intensive Landwirtschaft gehört nicht dort hin." "Noch ist der Glücksfall Elbe nicht verspielt", sagte Ernst Paul Dörfler. Manches habe sich in den vergangenen Jahren sogar verbessert, wie etwa die Flußwasserqualität. "Es sind rund 30 Fischarten in der Elbe festgestellt worden und möglicherweise wird in ein paar Jahren auch der Lachs wieder stromaufwärts ziehen." Die UmweltministerInnen der Elbanrainerländer haben angekündigt, daß die Elbe im Jahre 2000 wieder Trinkwasserqualität haben solle. "Dann stünde einem ausgiebigen Bad im Fluß wohl nichts mehr entgegen", hofft der BUND-Elbeexperte.


Quelle: http://archiv.bund-niedersachsen.de/nc/presse/pressemitteilungen/detail/browse/83/artikel/gluecksfall-elbe-trotz-offizieller-schutzvereinbarung-durch-ausbauplaene-der-behoerden-weiter-bedr/