22. Oktober 1999
Bodenabbauindustrie bedroht FFH-Gebiete
Von: Robert Exner, BUND-Pressereferent
Hannover, 22. Oktober 1999 - "Die EU-Richtlinie schreibt vor, daß die Flora-Fauna-Habitat-Gebiete allein nach naturschutzfachlichen Aspekten ausgewählt werden müssen, wirtschaftliche Gründe dürfen da keine Rolle spielen. Die Bodenabbauindustrie versucht aber zur Zeit vehement, die Abgrenzungen zukünftiger FFH-Gebiete zu beschneiden, um darin Sand, Kies, Ton, Mergel und andere Rohstoffe abzugraben", beklagte Dr. Marita Wudtke, Referentin für Naturschutzpolitik beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in Niedersachsen. Zum Wochenbeginn findet ein weiteres Treffen der Arbeitskreise statt, bei denen niedersächsische Umweltverbände, Kommunale Spitzenverbände, Behörden, Wirtschaft und Landwirtschaft die verschiedenen FFH-Gebietsvorschläge diskutieren. "Egal ob im Harz oder an der Küste, in unzähligen Gebieten versucht die Rohstoffindustrie, die bisherigen Vorschläge klein zu diskutieren. Ginge es nach deren Vorstellungen, bliebe von vielen schützenswerten Naturgebieten häufig nur Flickwerk übrig", wirft die BUND-Sprecherin den Industrievertretern vor.
Als Beispiel für diese Kontroverse nannte Wudtke das Neuenburger Holz bei Varel im Landkreis Friesland. Dieses 529 Hektar große Areal ist nach Auskunft des Umweltministeriums das größte und für den Naturschutz wertvollste Laubwaldgebiet in der Ostfriesischen Geest. In der waldärmsten Region Deutschlands stellen vor allem die altehrwürdigen Eichen im Zentrum des Neuenburger Holzes eine Besonderheit dar. Seit 150 Jahren werden dort Maßnahmen zum Schutz der Bäume durchgeführt. "Jetzt sollen aus diesem geschlossenen Gebiet fast zweihundert Hektar für die Ziegelindustrie herausgeschnitten werden und bis direkt an den Neuenburger Urwald Lehm abbauen. Als Ersatz bietet die Bezirksregierung Weser-Ems Staatswaldflächen an, die jedoch den drohenden Schaden am traditionsreichen Wald weder größenmäßig noch vom ökologischen Wert her ausgleichen können", so die BUND-Expertin.
Aus Naturschutzsicht seien die landesweiten Begehrlichkeiten der Bodenabbauindustrie nicht zu akzeptieren: "Häufig gibt es umweltfreundliche Alternativen zu den Naturrohstoffen: Kies lässt sich zum Teil durch aufgearbeiteten Bauschutt ersetzen, Naturgips durch Gips aus den Rauchgasentschwefelungsanlagen der Kraftwerke", erklärte Wudtke. "Aber für seltene Tiere und Pflanzen und eine naturnahe Landschaft gibt es keinen Ersatz, wenn sie ersteinmal dem Bagger zum Opfer gefallen sind. Deshalb darf bei der Bemessung der FFH-Gebiete dem wirtschaftlichen Druck nicht nachgegeben werden", mahnte die BUND-Vertreterin.